Schreib-Heatmap lesen: Was die Farben verraten

Die Farbstufen einer Schreib-Heatmap sind eine Einstellung, keine Messung. Warum vier Stufen zu wenig sind und die Lücken mehr verraten als jedes dunkle Feld.
Mosaik aus kleinen quadratischen Glassteinen in hellen und dunklen Grüntönen, dazwischen graue und bernsteinfarbene Steine
Foto: Colin Watts auf Unsplash

Eine Schreib-Heatmap beantwortet genau eine Frage zuverlässig, nämlich an welchen Tagen du geschrieben hast. Die Farbstufen darin sind keine Messung, sondern eine Einstellung deiner App.

Das ist kein Detail für Statistiker. Wer die Farben für eine Mengenangabe hält, liest aus einem blassen Jahr ein schwaches Jahr heraus, obwohl er an jedem zweiten Tag am Text saß. Und wer ein dunkles Feld sieht, hält einen mittelmäßigen Tag für einen Rekord, weil die Skala ihn gerade so einsortiert hat.

Die verwertbare Information steckt in der Position der Kästchen. Sie liest fast niemand.

Ein Kästchen je Tag, zwei Informationen darin

Das Muster kennen die meisten von GitHub, das seinen Beitragskalender am 7. Januar 2013 eingeführt hat (GitHub Blog). Eine Spalte ist eine Woche, eine Zeile ein Wochentag, ein Kästchen ein Kalendertag. Für ein volles Jahr braucht das Raster 53 Spalten, weil 365 Tage nicht glatt in Wochen aufgehen. Das sind 371 Felder, von denen sechs leer bleiben.

Jedes Feld trägt zwei Angaben. Die Position sagt, welcher Tag gemeint ist, und die stimmt auf den Tag genau. Die Farbe sagt, wie viel an diesem Tag zusammenkam, und die ist grob gerundet. Der Rest dieses Artikels handelt davon, wie grob.

Vier Farbstufen für tausend mögliche Werte

Farbskalen sind in der Zahl unterscheidbarer Stufen begrenzt. Stephen Few nennt acht als praktische Obergrenze, darüber lassen sich benachbarte Töne im Raster nicht mehr auseinanderhalten (Perceptual Edge, 2017). Die meisten Apps bleiben deutlich darunter, mit vier oder fünf Stufen plus Leer.

Vier Stufen also für einen Bereich, der von zwanzig bis mehrere tausend Wörter reicht. Dass sehr verschiedene Tage dieselbe Farbe bekommen, ist damit gesetzt. Die interessantere Frage ist, wo die Grenzen liegen. Dafür gibt es zwei gängige Verfahren, und sie machen aus denselben Daten zwei verschiedene Bilder.

Das erste teilt den Bereich zwischen null und deinem besten Tag in gleich große Abschnitte. In der Visualisierungsbibliothek d3 heißt das scaleQuantize, beschrieben als Aufteilung des Eingabebereichs in gleichförmige Segmente (d3-scale). Das zweite legt die Grenzen nach der Verteilung deiner Werte, sodass in jede Stufe ungefähr gleich viele Tage fallen. Das ist scaleQuantile (d3-scale).

Der Unterschied an einer Woche mit fünf Schreibtagen:

Dieselben fünf Tage, links mit Grenzen bei 1.000, 2.000 und 3.000 Wörtern, rechts mit Grenzen bei 610, 780 und 950
TagWörterStufe bei gleichmäßiger TeilungStufe nach Verteilung
Montag42011
Dienstag61012
Mittwoch78013
Donnerstag95014
Freitag4.00044

Links steht ein heller Block und ein Ausreißer. Rechts ein ansteigender Verlauf. Die Zahlen sind in beiden Spalten identisch. Ein einziger starker Tag reicht bei gleichmäßiger Teilung aus, um alle übrigen in die unterste Stufe zu drücken, und das für das ganze Jahr, solange dieser Tag im Zeitfenster liegt.

Daraus folgen zwei Regeln. Vergleiche Farben nie zwischen zwei Personen. Und vergleiche sie auch nicht zwischen zwei Jahren deiner eigenen Heatmap, denn die Bezugsgröße wandert mit dem besten Tag.

Die Lücken sagen mehr als die Farben

Wenn die Farbe eine Rangfolge ohne festen Maßstab ist, bleibt die Position. Die kennt keine Rundung. Und die leeren Felder ordnen sich in drei Muster, die du mit bloßem Auge trennen kannst.

Streifen. Eine ganze Zeile bleibt hell, weil du an diesem Wochentag nie schreibst. Das ist meistens kein Problem, sondern ein Plan, der sich durchgesetzt hat. Ein Streifen am Sonntag ist eine Entscheidung. Ein Streifen am Mittwoch ist oft eine, die nie jemand getroffen hat, und die lohnt einen Blick in den Kalender.

Blöcke. Zwei oder drei Spalten am Stück leer. Urlaub. Krankheit. Ein Abgabetermin im Hauptberuf. Blöcke sehen im Raster dramatisch aus und sind selten ein Routineproblem, weil ihre Ursache außerhalb des Schreibens liegt.

Ausfransen. Die Grenze zwischen dicht und löchrig verschiebt sich über Wochen. Erst fehlt ein Tag je Woche, dann zwei, am Ende bleibt der Sonntag. Das ist das einzige der drei Muster, das ein echtes Warnsignal ist. Und es ist das einzige, das eine Streak-Anzeige verschluckt, weil die schon beim ersten Fehltag auf null springt und danach nichts mehr unterscheidet. Wann eine Serie trotzdem trägt, steht im Artikel zum Schreib-Streak.

Drei Fragen, die die Heatmap beantwortet

Was sich aus einer Heatmap ablesen lässt und was nicht
FrageWoran du es abliestVerlässlichkeit
An wie vielen Tagen habe ich gearbeitet?gefüllte Felder zählenexakt
An welchen Wochentagen schreibe ich?die sieben Zeilen vergleichenexakt
Wann ist die Routine gekippt?Übergang von dicht zu löchriggrob, aber brauchbar
Wie viel habe ich an einem Tag geschrieben?Farbstufeunbrauchbar ohne Zahl
War ein Tag gut?gar nichtnicht beantwortbar

Die letzten beiden Zeilen sind der Grund, warum eine Heatmap eine Übersicht ist und kein Ersatz für die Zahlen darunter. Was sie stattdessen kann, ist einen Zeitraum in einem Blick zeigen, und das kann keine Tabelle.

Wie viele Lücken normal sind

Bevor du ein Muster deutest, rechne nach, wie viele leere Felder allein durch Zufall zu erwarten wären.

Nimm an, du schreibst im Schnitt an drei von sieben Tagen. Nimm weiter an, die Tage fielen unabhängig voneinander. Dann bleibt ein bestimmter Tag mit einer Wahrscheinlichkeit von 4/7 leer, also zu rund 57 Prozent. Für sieben leere Tage am Stück ergibt das 4/7 hoch 7, gerundet 2 Prozent. In einem Jahr gibt es 359 solcher Sieben-Tage-Fenster. Erwartungswert etwa sieben Fenster ohne einen einzigen Schreibtag.

Eine komplett leere Woche ist bei diesem Pensum also nichts Besonderes, sondern rund siebenmal im Jahr zu erwarten.

Die Annahme der Unabhängigkeit stimmt nicht ganz. Schreibtage hängen zusammen, Grippe und Urlaub kommen am Stück, und wer gestern geschrieben hat, schreibt eher auch heute. Die Rechnung ist deshalb keine Prognose, sondern eine Erinnerung an die Größenordnung.

Die braucht man, weil die eigene Reaktion vorhersagbar ausfällt. Menschen erwarten von zufälligen Folgen mehr Abwechslung, als der Zufall liefert, und halten lange Serien für erklärungsbedürftig. Maya Bar-Hillel und Willem Wagenaar haben die Forschung dazu 1991 zusammengetragen (Advances in Applied Mathematics 12, Heft 4, Seiten 428 bis 454). Auf die Heatmap übertragen heißt das, dass der helle Fleck, der dir ins Auge springt, häufig genau der ist, den das Raster ohnehin enthalten müsste.

Wo die Heatmap systematisch in die Irre führt

Drei Fälle, in denen das Bild über das Ungenaue hinaus in die falsche Richtung zeigt.

Überarbeitungstage. Ein Nachmittag, an dem du 400 Wörter streichst und den Rest sortierst, erscheint als leeres oder blasses Feld. Gemessen wird das Produkt, gearbeitet hast du am Text. Welche Einheit in welcher Phase trägt, steht im Artikel zu Wörtern, Zeit und Seiten.

Grün auf Grün. Rot-Grün-Sehschwächen betreffen bei europäischer Herkunft etwa 8 Prozent der Männer und etwa 0,4 Prozent der Frauen (Birch, Journal of the Optical Society of America A, 2012). Vier Grünstufen, die sich nur im Farbton unterscheiden, sind für diese Leser keine Skala. Eine brauchbare Heatmap braucht deshalb einen deutlichen Helligkeitsunterschied zwischen den Stufen und eine Zahl beim Antippen. GitHub hat 2023 Tastaturbedienung und eine gesprochene Ansage je Feld nachgerüstet, in der Form „11 contributions on Monday, February 21, 2022” (GitHub Changelog). Die Grafik allein reichte nicht.

Nulltage mit echter Arbeit. Recherche. Plotarbeit. Lesen. Das Exposé. Alles davon gehört zum Projekt und erzeugt keinen Wortzuwachs. Wer diese Tage als Ausfall liest, baut sich eine Statistik, die ihn fürs Nachdenken bestraft. Welche Werkzeuge solche Tage überhaupt erfassen können, zeigt der Vergleich der fünf Tracking-Wege.

In fünf Minuten durch die eigene Heatmap

  1. Zähle die gefüllten Felder der letzten acht Wochen und vergleiche sie mit den acht Wochen davor. Zwei Zahlen, mehr nicht. Sie sagen mehr als jede Farbdeutung.

  2. Geh die sieben Zeilen durch und zähle je Wochentag. Der schwächste Wochentag ist der beste Ansatzpunkt, weil dort die kleinste Änderung am meisten bewegt.

  3. Such die längste Lücke und schau im Kalender nach, was da war. Findest du eine Ursache, war es ein Block. Findest du keine, war es Ausfransen.

  4. Tippe das dunkelste Feld an und lies die Zahl. Liegt sie weit über deinem üblichen Tag, weißt du, warum der Rest des Jahres blass aussieht.

  5. Ignoriere danach die Farbstufen. Für alles Weitere brauchst du Zahlen.

Wer daraus ein Pensum ableiten will, findet die Rechnung im Artikel zu realistischen Tageszielen. Wer erst noch klären will, was so ein Werkzeug überhaupt leistet, liest, was ein Schreibtracker ist.

Wie viele Farbstufen sollte eine Heatmap haben?

Vier bis sechs plus Leer. Weniger macht das Bild grob, mehr kannst du im Raster nicht mehr unterscheiden, weil die Felder klein sind und nebeneinanderliegen. Wichtiger als die Zahl der Stufen ist ihr Helligkeitsunterschied. Ein reiner Farbtonwechsel reicht nicht.

Zählt ein Tag mit 20 Wörtern als Schreibtag?

Für die Heatmap ja, und das ist eine Schwäche. Ein kurzer Eintrag färbt das Feld genauso wie eine ernsthafte Sitzung, nur heller. Wenn dir das den Blick verzerrt, setz dir eine Untergrenze und behandle alles darunter als Notiz. Die Zahl dafür gehört zu deinem Pensum, nicht zur App.

Was passiert mit Text, den ich nach Mitternacht schreibe?

Das hängt an der App und an ihrer Tagesgrenze. Manche buchen auf den Kalendertag, manche auf den Arbeitstag mit einer Grenze am frühen Morgen. Probier es einmal aus und merk dir das Ergebnis, sonst deutest du später Lücken, die nur Buchungsgrenzen sind. Eine allgemeine Regel gibt es nicht.

Kann ich eine Heatmap in Excel oder Google Tabellen nachbauen?

Ja. Du brauchst eine Spalte mit dem Datum, eine mit der Wortzahl und eine bedingte Formatierung mit Farbskala. Excel schattiert die Zellen laut Dokumentation in Abstufungen von zwei oder drei Farben zwischen Minimum, Mittelwert und Maximum (Microsoft Support). Das ist dieselbe relative Skala wie in den Apps, mit demselben Ausreißerproblem.

Heatmap oder Streak-Anzeige?

Beides zeigt dasselbe Material, aber mit verschiedener Schärfe. Die Serie ist ein Tagesurteil und springt bei einem Fehltag auf null. Die Heatmap behält das ganze Jahr und zeigt langsame Verschiebungen, die eine Serie gar nicht abbilden kann. Wer eine Routine aufbaut, braucht am Anfang eher die Serie und später eher das Raster. Der 30-Tage-Plan lässt die Kette in seiner letzten Woche absichtlich einmal reißen, damit du erfährst, wie du nach einer Lücke zurückkommst.

Nimm dir deine Heatmap für fünf Minuten vor, aber zähle dabei nur zwei Dinge, nämlich die gefüllten Felder der letzten acht Wochen und die der acht Wochen davor. Wenn die zweite Zahl deutlich größer ist als die erste, hast du dein Thema für diese Woche gefunden, und keine Farbe hätte dir das gesagt.

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