Normseite: 1.500 Zeichen richtig berechnen
Zeichen mit Leerzeichen geteilt durch 1.500. Das ist die Normseite, mit der die VG Wort rechnet, und für eine Meldung dorthin ist die Rechnung fertig.
Für einen Übersetzungsvertrag ist sie falsch. Dort ist die Normseite kein Divisor, sondern ein Raster aus 30 Zeilen zu 60 Zeichen, und der Verband der Literaturübersetzer schreibt ausdrücklich dazu: „Eine Teilung der Gesamtzeichenzahl durch 1800 Zeichen entspricht also nicht der Normseite” (Tipps zum Normvertrag für den Abschluss von Übersetzungsverträgen, VdÜ, April 2021).
Zwei Seitenbegriffe, ein Wort. Der Rechner unten liefert beide. Darunter steht, wo die 1.500 herkommen und warum die verbreitete Division durch 1.800 um 13 Prozent daneben liegt.
Drei Einheiten, zwei Rechenwege
Das Wort steht für Einheiten, die sich nicht ineinander umrechnen lassen. Zwei sind Divisionen, eine ist ein Raster. Dieser Unterschied ist der ganze Artikel.
| Wer rechnet so | Einheit | Rechenweg |
|---|---|---|
| VG Wort, Meldung von Beiträgen | 1.500 Zeichen inkl. Leerzeichen | Division |
| JVEG § 11, Übersetzung für Gerichte | 55 Anschläge je Einheit | Division, jede angefangene Einheit voll |
| Normvertrag für Übersetzungen | 30 Zeilen à max. 60 Zeichen | Zeilen zählen, jede angefangene Seite voll |
Bei der VG Wort ist der Fall eindeutig: „Beiträge werden nach ‚Normseiten’ à 1500 Zeichen vergütet”, und der Mindestumfang liegt bei 3.000 Zeichen inklusive Leerzeichen, also bei zwei Seiten. Eine reine Division, nichts weiter.
Der Normvertrag zählt dagegen nicht durch Teilen, weil das Ergebnis ein gesetztes Manuskript ist. Eine Normseite „bietet Raum für maximal 30 Zeilen à maximal 60 Zeichen inkl. Leerzeichen”, und „jede angefangene Seite wird voll berechnet”. Wer einen Absatz beendet, lässt den Rest der Zeile leer, und diese Lücke gehört zum gelieferten Text. Sie lässt sich nicht wegdividieren.
Auch § 11 JVEG teilt, nur durch eine andere Zahl. Für Übersetzungen bei Gericht gibt es 1,80 Euro „für jeweils angefangene 55 Anschläge des schriftlichen Textes”, wenn die Vorlage editierbar elektronisch kommt, sonst 1,95 Euro. Gezählt wird der ganze Text, nicht die Zeile: 55 Anschläge sind hier eine Abrechnungseinheit, und die letzte angefangene wird voll bezahlt. Maßgebend ist dabei die Zielsprache, außer wenn nur die Ausgangssprache lateinische Schriftzeichen verwendet.
Was auf einer echten Normseite steht
30 mal 60 sind 1.800. Warum rechnet die VG Wort dann mit 1.500? Weil eine Seite diese 1.800 Zeichen nie erreicht.
Ich habe das an den fünf deutschen Artikeln dieses Blogs nachgezählt: 198 Fließtextabsätze, 7.331 Wörter, 48.006 Zeichen mit Leerzeichen. Absatzweise auf 60 Zeichen umbrochen, ohne Trennung, ergibt das 923 Zeilen und damit 30,8 Seiten zu 30 Zeilen.
| Kennzahl | Messwert |
|---|---|
| Zeichen je Seite, tatsächlich | 1.560 |
| Wörter je Seite | 238 |
| mittlere Zeilenfüllung | 51,2 von 60 Zeichen (85,3 %) |
| Zeichen je Wort | 6,55 |
Damit ist die Herkunft der 1.500 kein Rätsel. Sie sind nicht die Konkurrenz zu den 1.800, sie sind der Durchschnitt derselben Seite, nachdem die Absatzenden ihren Anteil genommen haben. 1.560 gemessen gegen 1.500 gesetzt: die VG Wort rechnet für diese Textsorte vier Prozent großzügiger als das Papier.
Die naive Division durch 1.800 dagegen liefert 26,7 statt 30,8 Seiten. Das sind 13 Prozent zu wenig, und bei einem Honorar je Seite ist das der Unterschied zwischen 27 und 31 abgerechneten Seiten. Genau davor warnt der Satz des VdÜ.
Für die 55-Anschlag-Einheit des JVEG gilt dieser Einwand ausdrücklich nicht. Sie ist keine Zeile auf Papier, sondern ein Block von 55 Zeichen im Fließtext, und deshalb ist die Division dort der richtige Weg. Die 48.006 Zeichen ergeben 873 solche Einheiten, und nur die letzte wird aufgerundet.
Die Formel für die Rasterseite
Zeilen zählen kann nur, wer das Layout vor sich hat. Ohne Layout geht es näherungsweise, und die Näherung ist gut genug:
Zeilen = Zeichen ÷ 60 + Absätze ÷ 2
Der zweite Summand ist die Begründung des ganzen Artikels. Jeder Absatz endet mit einer Zeile, die im Schnitt halb leer bleibt. 198 Absätze kosten also rund 99 Zeilen, und das sind bei 923 Zeilen elf Prozent der Seite.
Über die fünf Artikel liegt diese Formel 2,6 Prozent unter der echten Zählung, je Artikel zwischen 0,7 und 3,8 Prozent darunter. Sie schätzt also leicht zu niedrig, weil auch die übrigen Zeilen nicht randvoll werden. Runde das Ergebnis auf.
Deshalb nennt der Rechner rund elf statt dreizehn Prozent Unterschied zur Division durch 1.800: die dreizehn stehen gegen eine echte Zählung, die elf gegen diese Näherung.
Wer im Kopf rechnen will: Zeichen geteilt durch 52 trifft dieselbe Zeilenzahl. Über den ganzen Textbestand liegt dieser Weg auf null Prozent Abweichung, je Artikel zwischen 3,4 Prozent darunter und 1,8 darüber. Das ist keine Theorie, sondern eine an fünf Texten gefittete Zahl, und sie gilt für deutschen Sachtext mit normal langen Absätzen.
Ein Beispiel zum Nachrechnen
Eine Hausarbeit, 30.000 Zeichen mit Leerzeichen, 120 Absätze. Das sind die Vorgabewerte im Rechner oben, und so kommen seine vier Zahlen zustande.
Nach VG Wort: 30.000 ÷ 1.500 = 20,0 Normseiten. Nach dem Raster: 30.000 ÷ 60 = 500 Zeilen, plus 60 Zeilen für die 120 Absatzenden, macht 560 Zeilen, geteilt durch 30 sind 18,7 Seiten, abgerechnet 19. Als JVEG-Einheiten: 30.000 ÷ 55 = 545,5, aufgerundet 546. Bei 1,80 Euro je angefangener Einheit sind das 982,80 Euro.
Die naive Division durch 1.800 hätte 16,7 Seiten ergeben. Gegen die 18,7 aus der Zeilenzählung fehlen zwei ganze Seiten, und bei einem Seitenhonorar von 25 Euro sind das 50 Euro.
Eine Einschränkung zu allen Messwerten hier: Sie stammen aus fünf Sachtexten eines einzigen Blogs. Das belegt die Größenordnung, nicht mehr. Für Belletristik oder für Fachprosa mit vielen Zitaten zählt man besser seinen eigenen Text nach demselben Verfahren.
Wo die drei Zahlen herkommen
In Word liefert der Klick auf die Wortanzahl in der Statusleiste „die Anzahl der Zeichen, Absätze und Zeilen” (Microsoft Support). In LibreOffice stehen sie unter Datei ▸ Eigenschaften ▸ Statistik, dort ausdrücklich als „Number of characters, including spaces” und „Number of paragraphs, including blank paragraphs” (LibreOffice-Hilfe).
Zwei Fallen stecken in diesen beiden Sätzen.
Erstens zählt LibreOffice leere Absätze mit. Wer mit Leerzeilen zwischen den Abschnitten arbeitet, bekommt zu viele Absätze und damit zu viele Zeilen. Zieh sie ab, oder ersetze Leerzeilen durch Absatzabstand.
Zweitens lässt Word Fuß- und Endnoten weg. Das ist keine Vermutung: Die Zählfunktion von Word nimmt Fußnoten nur, wenn man es verlangt, und ohne diese Angabe ist der Vorgabewert False. Bei einer Hausarbeit mit 60 Fußnoten fehlen so schnell zwei Normseiten.
Wann die Rechnung nicht trägt
Dialog und Lyrik. Beides besteht aus kurzen Absätzen, und jeder kostet eine halbe Zeile. Eine Romanseite mit 20 Sprecherwechseln liegt weit unter 1.560 Zeichen. Die Absatzzahl im Rechner fängt das auf, die Pauschaldivision nicht.
Tabellen und Formeln. Sie zählen als Zeichen, brauchen aber ein Vielfaches an Platz. Über die Zeichenzahl ist eine tabellenlastige Arbeit nicht seriös zu bewerten.
Fußnoten. Siehe oben. Prüf, was gezählt wurde, bevor du eine Rechnung stellst.
Prüfungsordnungen. Die nennen fast immer Seitenzahlen in einem vorgegebenen Layout. Dann gilt das Layout, nicht die Normseite, und der Rechner ist überflüssig.
Englischer Text. Englische Wörter sind mit 5,61 Zeichen deutlich kürzer als deutsche. Auf derselben Seite stehen deshalb andere Zahlen, und keine deutsche Faustregel überträgt sich.
Wie viele Wörter das sind
Über die fünf Artikel liegen 6,55 Zeichen auf einem Wort, je Artikel zwischen 6,49 und 6,76. Eine Normseite zu 1.500 Zeichen trägt damit 222 bis 231 deutsche Wörter, eine zu 1.800 Anschlägen 266 bis 277.
Diese Spanne ist der Grund, warum der Rechner nach Zeichen fragt. Die Wortzahl ist bequemer, die Zeichenzahl belastbarer. Wer nur Wörter hat, bekommt eine Schätzung mit genau dieser Unsicherheit.
Zählt die VG Wort Leerzeichen mit?
Ja. Im Mindestumfang steht „3.000 Zeichen inklusive Leerzeichen”, und die 1.500 je Normseite werden genauso gezählt. Verwechsle das nicht mit Vorgaben von Verlagen oder Hochschulen, die manchmal ohne Leerzeichen rechnen. Der Unterschied ist groß: im Textbestand hier sind 14,9 Prozent aller Zeichen Leerzeichen, also fast jedes siebte.
Was ist mit 1.800 Zeichen? Ich habe immer diese Zahl gelesen.
1.800 ist der Rahmen, nicht der Inhalt: 30 Zeilen mal 60 Zeichen. Als Divisor ist die Zahl unbrauchbar, weil eine echte Seite nur rund 1.560 Zeichen trägt. Wer durch 1.800 teilt, rechnet sich um etwa 13 Prozent zu wenige Seiten aus.
Runde ich Normseiten auf?
Beim Normvertrag ja, dort wird „jede angefangene Seite voll berechnet”. Bei der VG Wort geht es nicht um Seitenpreise, sondern um den Mindestumfang von 3.000 Zeichen, den ein Beitrag erreicht oder nicht. Die Nachkommastelle ist dort ohne Folgen.
Ist eine Normzeile dasselbe wie eine Zeile im Dokument?
Nein. Wo nach Normzeilen abgerechnet wird, ist eine Normzeile eine feste Zahl von Anschlägen, beim JVEG 55. Deine Zeilen im Dokument sind je nach Schriftgröße und Rand ganz anders lang. Teile also die Zeichen, statt Zeilen im Text zu zählen.
Gilt die Normseite auch für Lektorat und Korrektorat?
Viele Lektorate rechnen je Normseite ab, legen die Zeichenzahl aber selbst fest, und beide Werte kommen vor. Wie sich das über den Markt verteilt, ist mir nicht belegbar; eine Erhebung dazu habe ich nicht gefunden. Frag also nach der Zahl, bevor du einen Seitenpreis vergleichst, sonst vergleichst du zwei verschiedene Einheiten.
Warum weicht mein Normseitenrechner von deinem ab?
Weil die meisten Rechner nur eine Division können und nicht sagen, durch welche Zahl. Prüf zwei Dinge: Teilt das Werkzeug durch 1.500 oder durch 1.800, und rechnet es mit oder ohne Leerzeichen? Beide Fragen zusammen erklären Abweichungen von über 30 Prozent.
Was du damit machst
Hol die drei Zahlen aus deinem Dokument, trag sie oben ein und schreib dir dazu, welche Einheit dein Auftraggeber meint. Danach ist die Umrechnung eine Formel und keine Verhandlung.
Wenn du von Hand schreibst, führt der Weg über Handschrift zählen, das dir aus Seiten erst eine Wortzahl macht. Steht ein Termin im Weg, rechnet der Schreibziel-Rechner daraus das Tagespensum, und wie viele Wörter am Tag realistisch sind sagt dir, ob dieses Pensum trägt. Wie du die Zahlen anschließend festhältst, steht unter Schreibfortschritt tracken. Weitere Umrechnungen sammeln wir unter Wortziele & Kennzahlen.