Schreibsprint: Anleitung für 25 produktive Minuten
Ein Schreibsprint ist eine fest begrenzte Zeit, in der du ausschließlich neuen Text schreibst und nichts überarbeitest. Üblich sind 25 Minuten. Vorher legst du fest, an welcher Stelle du weiterschreibst und wie viele Wörter du dir vornimmst, danach zählst du nach und machst eine kurze Pause. Das Wortziel leitest du am besten aus deinem eigenen Tempo ab, denn die Obergrenze liegt niedriger, als manche Versprechen von mehreren tausend Wörtern pro Stunde vermuten lassen. Rechnet man eine große Messung der Tippgeschwindigkeit auf deutsche Wörter um, kommt man beim reinen Abtippen eines fertigen Textes in 25 Minuten auf knapp 1.000 Wörter (Dhakal u. a., CHI 2018). Beim eigenen Schreiben kommt das Denken dazu.
Diese Anleitung beschreibt den Sprint, mit dem du an einem Manuskript, einer Hausarbeit oder einem Blogtext vorankommst. Im Deutschen heißen allerdings drei recht verschiedene Dinge Schreibsprint, und wer nach dem Begriff sucht, landet schnell bei einer Übung von 90 Sekunden oder bei einem Schreibtag an der Uni. Deshalb steht die Unterscheidung am Anfang.
Was mit Schreibsprint gemeint sein kann
In der Schreibdidaktik der Hochschulen ist ein Schreibsprint oft eine sehr kurze Übung zum freien Drauflosschreiben. Ein Handout der Universität Graz empfiehlt, den Timer auf fünf bis zehn Minuten zu stellen und ohne Innehalten zu schreiben, ohne etwas noch einmal zu lesen oder zu korrigieren. Wer nicht weiterweiß, schreibt das zuletzt gedachte Wort oder „Was noch?“ auf. Danach wird der Sprint durchgelesen und das Wichtige markiert (Universität Graz, Schreibsprints entlang von Textpfaden). Das Handout stützt sich auf die Schreibtrainerin Ulrike Scheuermann. Andere Ratgeber setzen die Uhr für dieselbe Übung auf höchstens 90 Sekunden (budrich training).
Viele Hochschulen meinen mit Schreibsprint dagegen eine gemeinsame Schreibzeit. Die Universitätsbibliothek Duisburg-Essen lädt dienstags und donnerstags zu ihren SchreibSprints ein, rund einer Stunde konzentrierten Schreibens mit einer Fokusübung am Anfang und einem gemeinsamen Blick darauf, was erreicht wurde, am Ende (UB Duisburg-Essen, SchreibRaum). Das SchreibCenter der TU Darmstadt bietet Promovierenden und Postdocs einen ganzen Tag von 9 bis 16 Uhr mit drei Schreibphasen an, online einen halben Tag mit zwei (TU Darmstadt, Schreibsprint).
Unter Autorinnen und Autoren ist ein Schreibsprint meist ein Block von 15 bis 60 Minuten, in dem Rohtext für ein bestimmtes Projekt entsteht. Darum geht es in diesem Artikel.
| Bedeutung | typische Dauer | wofür | Beleg |
|---|---|---|---|
| Freies Schreiben zum Denken | 1 bis 10 Minuten | Gedanken sortieren, Einstieg finden | Universität Graz, budrich training |
| Sprint am eigenen Text | 15 bis 60 Minuten, oft 25 | Rohfassung voranbringen | Ratgeber für Autorinnen und Autoren |
| Gemeinsamer Schreibtermin an der Uni | 1 Stunde bis ein ganzer Tag | dranbleiben, mit anderen schreiben | UB Duisburg-Essen, TU Darmstadt |
Die drei Formen schließen sich nicht aus. Ein kurzer freier Sprint von fünf Minuten kann zum Beispiel helfen, vor einem längeren Sprint am Text die nächste Szene zu klären.
So läuft ein Sprint von 25 Minuten ab
Über das Gelingen entscheidet vor allem, was du vor dem Start klärst, denn jede Frage, die du dir während des Sprints stellst, kostet Schreibzeit.
Stelle festlegen. Öffne die Datei und markiere den Satz, an dem du weiterschreibst. Notiere in ein oder zwei Sätzen, was in diesem Abschnitt passieren soll.
Ziel festlegen. Nimm dir eine Wortzahl vor, die zu deinem Tempo passt. Wie du sie findest, steht im nächsten Abschnitt.
Störungen abstellen. Schalte Benachrichtigungen aus und lege das Telefon außer Reichweite, wenn du einen anderen Timer hast.
Uhr starten und schreiben. Schreib weiter, auch wenn ein Satz holpert. Fehlt dir ein Name oder eine Zahl, setz einen Platzhalter wie XX und schreib weiter.
Beim Signal aufhören. Beende den Satz, an dem du gerade bist, und hör dann auf.
Zählen und notieren. Schreib die Wortzahl, die Uhrzeit und einen Satz dazu auf, wie es lief. Dann folgt eine Pause von etwa fünf Minuten.
Am meisten bringt dabei der Platzhalter aus Schritt 4. Wer mitten im Sprint einen Namen nachschlägt, kann schnell bei etwas ganz anderem landen, und dann ist der Sprint vorbei. Nach dem Sprint suchst du nach XX und erledigst alle offenen Stellen in einem Durchgang.
Beim Zählen hilft es, die Wortzahl direkt vor dem Start zu notieren. Die Differenz zur Wortzahl am Ende ist dein Ergebnis. Schreibst du mit der Hand, kannst du die Seiten später umrechnen, wie es der Artikel Handschrift zählen: Seiten in Wörter umrechnen beschreibt.
Wie viele Wörter in einen Sprint passen
Für das Wortziel gibt es eine harte Obergrenze und eine persönliche Zahl. Die Obergrenze ist die Tippgeschwindigkeit. In einer Online-Studie mit 168.960 Teilnehmenden tippten die Menschen im Schnitt 51,56 Wörter pro Minute, wobei ein Wort als fünf Zeichen gerechnet wird. Die Teilnehmenden sollten sich jeden englischen Satz zuerst einprägen und ihn dann abtippen (Dhakal u. a., CHI 2018). Deutsche Wörter sind länger als fünf Zeichen. Umgerechnet ergibt das für deutschen Text knapp 1.000 Wörter in 25 Minuten, und zwar ohne jedes Nachdenken über den Inhalt.
Dein eigener Wert liegt darunter, und den findest du nur durch Nachzählen. Am einfachsten nimmst du die letzte normale Schreibsitzung, deren Dauer und Wortzahl du kennst, und teilst sie auf 25 Minuten herunter.
| übliches Tempo | Wörter pro Minute | in 25 Minuten | erstes Sprintziel |
|---|---|---|---|
| 300 Wörter pro Stunde | 5 | 125 | 125 |
| 600 Wörter pro Stunde | 10 | 250 | 250 |
| 900 Wörter pro Stunde | 15 | 375 | 375 |
| 1.200 Wörter pro Stunde | 20 | 500 | 500 |
Für das erste Ziel empfehlen wir genau diese Zahl. Weil im Sprint die Unterbrechungen wegfallen, liegst du damit vielleicht schon darüber, und ein erreichtes Ziel macht den nächsten Sprint leichter. Nach drei oder vier Sprints kennst du deinen Sprintwert und kannst das Ziel um etwa ein Zehntel anheben. Für diese Faustregel gibt es keine Studie, sie ist nur eine vorsichtige Art, die Latte langsam höher zu legen.
Wie viel du am ganzen Tag schaffst, hängt dann vor allem davon ab, wie viele Sprints du einplanst. Vier Sprints zu 250 Wörtern ergeben 1.000 Wörter in etwa zwei Stunden mit Pausen. Ob das zu deinem Projekt passt, kannst du mit dem Artikel Wie viele Wörter am Tag sind realistisch? abgleichen. Und wenn deine Arbeit gerade nicht aus neuem Text besteht, lohnt ein Blick auf die Frage, ob du in Wörtern, Zeit oder Seiten messen solltest.
Was feste Pausen laut Forschung bringen
Der 25-Minuten-Takt stammt aus der Pomodoro-Technik von Francesco Cirillo. Nach der Beschreibung seines Verlags zur Buchausgabe von 2018 entwickelte er sie dreißig Jahre zuvor als Student. Dabei benutzte er eine Küchenuhr in Tomatenform und teilte die Arbeit in Blöcke von 25 Minuten mit fünf Minuten Pause (Penguin Random House, The Pomodoro Technique). Daher kommt der Name, denn Pomodoro ist das italienische Wort für Tomate. Für das Schreiben wurde die Technik nicht entwickelt, sie passt aber gut dazu.
Ob ein fester Takt wirklich besser ist als selbst gewählte Pausen, hat ein Team um Felix Biwer an der Universität Maastricht untersucht. 87 Studierende lernten einen Tag lang für ihr Studium, in drei Gruppen (Biwer u. a., British Journal of Educational Psychology 2023). Eine Gruppe machte ihre Pausen, wann sie wollte, eine zweite nach je 24 Minuten sechs Minuten Pause, und eine dritte nach je zwölf Minuten drei Minuten.
Die Gruppe mit den freien Pausen arbeitete in längeren Blöcken und machte auch längere Pausen. Sie berichtete aber über mehr Müdigkeit und Ablenkung und über weniger Konzentration und Motivation als die beiden Gruppen mit festem Takt. Beim erledigten Pensum und bei der investierten Anstrengung unterschieden sich die Gruppen nicht. Die Forschenden schließen daraus, dass feste Pausen vor allem der Stimmung nützen. Außerdem wirkten sie effizienter, weil die Gruppen mit festem Takt in kürzerer Zeit dasselbe schafften.
Für den Schreibsprint ist das eine nützliche, aber begrenzte Auskunft. Die Studie ist klein, sie lief nur einen Tag, und die Studierenden lernten, statt zu schreiben. Mehr Text pro Stunde verspricht sie nicht. Sie spricht eher dafür, dass ein fester Takt die Arbeit erträglicher macht und damit das Weitermachen am nächsten Tag erleichtert. Einen Hinweis auf eine Rücknahme oder Korrektur der Arbeit haben wir nicht gefunden.
Woher die Regel „nicht korrigieren“ kommt
Dass im Sprint nicht überarbeitet wird, geht auf das freie Schreiben zurück. Peter Elbow beschrieb es 1973 in seinem Buch „Writing Without Teachers“ als Übung von zehn Minuten, mindestens dreimal pro Woche. Die einzige Bedingung sei, dass man nie aufhört, also weder zurückblättert noch Wörter durchstreicht oder die Rechtschreibung prüft (Elbow, Freewriting, Auszug aus Writing Without Teachers).
Elbow ging es um das Denken auf dem Papier. Ein Sprint am Manuskript übernimmt von ihm nur die Regel, dass der innere Lektor wartet, bis die Uhr abgelaufen ist. Genau darin liegt der Nutzen für lange Texte, denn wer jeden Satz sofort verbessert, schreibt leicht drei Fassungen desselben Absatzes und kommt im Kapitel kaum voran.
Die Regel hat eine Kehrseite, die du einplanen solltest. Was im Sprint entsteht, ist Rohtext und braucht später einen eigenen Durchgang. Rechne für die Überarbeitung also eigene Zeit ein, statt sie in den Sprint zu packen.
Mehrere Sprints und Sprints mit anderen
Ein einzelner Sprint ist ein guter Anfang. Meist folgen mehrere, und nach Cirillos Vorgabe gehört nach jedem Block eine Pause von fünf Minuten dazu. In der Pause stehst du am besten auf und schaust nicht in den Text. Wer in der Pause schon den nächsten Absatz liest, beginnt oft unbemerkt zu korrigieren.
Mit anderen zu sprinten hat einen eigenen Reiz. An der Uni geschieht das im Raum oder per Video, und beide Hochschulangebote oben enden mit einem gemeinsamen Blick auf das Ergebnis. In Darmstadt setzt sich außerdem jede Person zu Beginn ein Schreibziel und prüft am Ende, was daraus geworden ist. In Schreibgruppen und Foren gibt es außerdem den Wordwar, bei dem mehrere Leute gleichzeitig sprinten und danach ihre Wortzahlen vergleichen. Das kann anspornen. Es hat aber eine Schwäche, denn eine Szene mit viel Dialog füllt sich schneller als ein Kapitel voller Recherche, und die Zahlen zweier Menschen sagen deshalb wenig übereinander aus. Vergleiche dich lieber mit deinem eigenen letzten Sprint.
Wenn du regelmäßig mit jemandem sprintest, lohnt es sich, einen festen Termin auszumachen. Ein gemeinsamer Sprint eignet sich auch, um den ersten Tag nach einer Lücke zu etwas Besonderem zu machen. Warum das hilft, steht im Artikel Schreib-Streak: Wann er hilft, wann er schadet.
Wann ein Sprint nicht hilft
Sprints sind für neuen Text gedacht, und in der Überarbeitung passen sie schlechter, weil die Wortzahl dort oft sinkt und das Zählen dann wenig über deinen Fortschritt aussagt. Ein fester Zeitblock kann trotzdem sinnvoll sein, nur das Wortziel fällt dann weg. Ähnlich ist es bei Recherche und Gliederung. Wer noch nicht weiß, was im nächsten Kapitel stehen soll, schreibt im Sprint eher etwas, das er später streicht.
Manchmal klingelt die Uhr genau dann, wenn es endlich läuft. Dann darfst du weiterschreiben. Die Maastrichter Studie zeigt ja, dass Menschen mit freien Pausen länger am Stück arbeiten, nur ermüden sie dabei stärker und lassen sich leichter ablenken. Ein gelegentlich verlängerter Sprint schadet also nicht, eine dauerhafte Regel sollte daraus aber nicht werden.
Auch als Notbremse für einen großen Rückstand taugen Sprints nur begrenzt. Wer acht Sprints an einem Tag einplant, um eine verlorene Woche aufzuholen, arbeitet faktisch eine lange Schreibsitzung ab. Warum solche Aufholtage selten tragen und wie du einen gekippten Plan neu ordnest, steht im Artikel Rückstand aufholen: Wenn der Schreibplan kippt. Für eine Abschlussarbeit hilft dir der Artikel Bachelorarbeit: Vom Zeitplan zum Tagespensum, aus dem Pensum eine Zahl von Sprints pro Tag zu machen.
Wie lang sollte mein erster Schreibsprint sein?
Wenn dir 25 Minuten lang vorkommen, fang mit 10 oder 15 an. Entscheidend ist, dass du den ersten Sprint ohne Unterbrechung durchhältst. Danach verlängerst du in Schritten von fünf Minuten, bis du merkst, dass die Konzentration gegen Ende nachlässt.
Darf ich im Sprint Musik hören?
Das hängt von dir ab, belastbare Zahlen speziell zum Schreiben haben wir nicht gefunden. Manche nutzen ein Musikstück fester Länge als Uhr. Wenn dich Texte in Songs ablenken, nimm Musik ohne Gesang oder schreib in Stille.
Was mache ich, wenn mir mitten im Sprint nichts mehr einfällt?
Schreib in Klammern auf, was als Nächstes passieren müsste, auch wenn es nur Stichworte sind, und arbeite dich daran weiter. Für das freie Schreiben empfiehlt etwa das Handout der Universität Graz, das zuletzt gedachte Wort oder „Was noch?“ aufzuschreiben. Hilft beides nicht, war die Vorbereitung zu knapp, und der nächste Sprint beginnt mit fünf Minuten Gliederung.
Zählen gelöschte Wörter beim Sprint mit?
Gezählt wird, was am Ende mehr dasteht als am Anfang. Wenn du dich an die Regel hältst, im Sprint nichts zu überarbeiten, ist der Unterschied klein. Löschst du größere Stücke, notiere die Zahl lieber getrennt, damit der Sprintwert vergleichbar bleibt.